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Handlettering 3

Mit Handlettering Inhalte kunstvoll darstellen

Schriftarten sind Transportmittel für Inhalte

Handlettering und andere Formen des Schriftgestaltens dienen zunächst einmal der Freude an einem schönen Schriftbild. Sich lustvoll der Faszination von schönen graphischen Bildern und Schriften hinzugeben ist Selbstzweck genug.

Nutzt du dagegen das Lettering als Hilfsmittel, um Inhalt zu transportieren, lohnt es sich, sich mit verschiedenen Schriften zu befassen. Verschiedene Schriften können die Wörter und Sätze unterstützen und interpretieren. Kunst entsteht auch dann, wenn  du Schrift und Wort bewusst gegensätzlich wählst. Ein moderner Text in mittelalterlichen Lettern oder umgekehrt ein mittelhochdeutscher Text in einem modernen Lettering lassen stutzig werden. Es entsteht ein Spannungsfeld, das Aufmerksamkeit erregt und zum Nachdenken auffordert.

Grundlegende Eigenschaften von Schriften zu kennen, hilft dabei, ein ausgewogenes oder auch aufrüttelndes Kunstwerk zu schaffen.

Wie wirken die verschiedenen Schriftarten?

Schriftarten

Die Wirkung von Schriftarten

Chris Campe ordnet den Schriften Wirkungen zu, die ich gut nachvollziehen und bei mir selbst beobachten kann.

Renaissance Antiqua

Diese Schrift wirkt alt, traditionell, beständig, aber auch warm. Sie erinnert an die mittelalterlichen Schriften und wird dann verwendet, wenn mit einem Letterring ältere Menschen angesprochen werden sollen, etwa auf Geburtstagskarten.

Klassische Antiqua

Die stilisierte Schrift wirkt modern und edel. Mit ihr verbindet man Luxus und Eleganz. Sie ist stilisiert und kontrastreich. Verwendung findet sie häufig in der Werbung.

Groteskschriften

Anders, als der Name vermuten lässt, sind Groteskschriften einfache, schnörkellose technische Schriften. Sie wirken neutral, universell, ordentlcih, sauber, klar, minimalistisch und modisch. Es sind Schriften, die im Arbeitsalltag verwendet werden und in denen es vor allem um die Lesbarkeit geht.

Gebrochene Schriften

Das sind serifenbetonte, dekorative Schriften. Sie wirken oft lustig, ungezwungen, verspielt und ironisch. In Verbindung gebracht werden sie mit dem „Wilden Westen“ und dem Handwerk. Gebrochene Schriften wurden und werden sowohl in der Buchmalerei, in kirchlichen Urkunden und Graffitis, als auch im Heavy Metal, in Tattoos und in Schriften der Nationalsozialisten verwendet.

Je nach Zusammenhang wirken sie verspielt, dekorativ, festlich, gemütlich  und altehrwürdig oder gefährlich, hart, dominant und mächtig. Hier lohnt sich ein sorgfältiges Abwägen, wie sich diese Schriften in das Letteringkunstwerk einfügen.

Handschriften

Werden Handschriften mit Kontrasten verwendet, wirken sie edel, gediegen, hochwertig und klassisch. Sie stehen für guten Stil, traditionelle Werte und Qualität. Übertrieben verwendet wirken sie schnell arrogant, neureich und gewollt.

Handschriften ohne Kontraste wirken wie Kinderschriften. Sie erinnern an die Schulzeit, wirken naiv, schlicht, leicht und naiv.

Form follows Feder – der Grundsatz der Kalligraphie

Schreibfedern

Verschiedene Arten von Schreibfedern

Für das Layout und die Komposition des Letterings gelten einige Regeln

Grundsätzlich gilt beim Lettern: Form follows Feder. Breite, runde Federn eignen sich für ausdrucksstarke Wörter, die eine Präsenz brauchen. Feine Federn finden bei zarten Zierleistungen und Buchstabenverzierungen Verwendung.

Beim Handlettering schreibt man nicht in einem Zug (wie bei der Kalligraphie üblich), sondern setzt die Buchstaben immer wieder neu an. Das schenkt Zeit und unterstützt das sorgfältige Arbeiten. Hilfslinien helfen, die Komposition zu Papier zu bringen. Glattes Papier lässt die Buchstaben nicht ausfransen, was zu einem klareren, präsenteren Bild führt. 

Für Anfänger eignen sich Bruschpens gut, weil sie nicht so weich wie Pinsel sind und Federn gut imitieren. Mit ihnen lässt sich der dünne Aufstrich und der fette Abstrich einfach durchführen.

Den Inhalt in der Form sichtbar machen

Vor Beginn des Schriftzeichnens empfiehlt sich ein Testen und Aufwärmen. Dazu werden Grundstriche geübt, Endungen, Aufstriche, Tropfen, Schattierungen und Verzierungen ausprobiert. 

Um den Inhalt gut umsetzen zu können, frage dich zuerst, wie sich die Wörter, die du zeichnen willst, anfühlen. Welche inneren Assoziationen es für dich gibt und wie du diese sichtbar machen kannst. 

Wenn du zum Beispiel entspannte Wörter wie „Stille“,„Yoga“ oder „Waldspaziergang“ ausdrücken willst, ist wenig Strichstärkenkontrast sinnvoll. Die Buchstaben sollten breite Abstände haben.

Lebendige Wörter wie „Fest“, „Verkehr“ oder Durcheinander werden schnell und in einem Zug geschrieben, wobei die Buchstaben auf der Grundlinie tanzen und diese nur gelegentlich berühren.

Aggressive Wörter wie „Protest“, „Schlag“ oder „drohen“ brauchen gebrochene, geneigte, fette Buchstaben mit wenig Strichstärkenkontrasten.

Depressive, traurige Wörter wie „Nebel“, „Verlust“ oder „Träne“ werden breit, verdichtet mit kleine Lücken und ausgefüllten Buchstabeninnenräumen gezeichnet.

Ein sorgsam konstruiertes Handlettering braucht Zeit und Planung

Hilfslinien

Hilfslinien erleichtern die Planung

Zunächst einmal gilt es, eine passenden Text auszusuchen oder zu schreiben. Der erste Schritt ist dann, mit Bleistift ein ersten Layout auszuprobieren. Dabei ist ein spontanes Herangehen und Ausprobieren wichtig. Probiere die Kombinationen von geraden und gebogenen Linien aus, verschiedene Wort- und Buchstabengrößen.

Der nächste Schritt ist dann, mit dem Pinsel verschiedene Strichstärken hinzuzufügen.

Ist die grobe Komposition fertig, wird sie auf ihre Ausgewogenheit überprüft. Stimmen Abstände, Buchstabengrößen und die Verteilung der Wörter auf dem Blatt? Es lohnt sich, diesen Entwurf zu kopieren. Lege ein transparentes Pergamentpapier auf den Text. Das verhindert Abschreibfehler und hilft dabei, sich ganz auf den Strich und die Ausführung zu konzentrieren.

Beim Handlettering werden die Buchstaben zunächst straffiert und erst dann wird die Kontur gezeichnet und der Tonwert (also wie grau/schwarz die Striche werden sollen) festgelegt. Diese Technik ist ungewohnt und bedarf einiger Übung. 

Chris Campe begründet die Herangehensweise so: „Buchstaben sind nicht nur schwarze Flächen, sondern das Zusammenspiel von schwarzen und weißen Flächen.“ (Handbuch Handlettering, Bern 2017, S.108)

Das Zeichnen kann durch Hilfstinien unterstützt werden. Senkrechte Linien helfen beim Schreiben von Schrägen und Kurven.

Bögen sollten unten etwas breiter als oben sein. Ein kleiner Punkt in der Mitte hilft bei der symmetrischen Führung der Linie.

Wenn du Schattierungen zeichnen willst, schreibe das entsprechende Wort auf ein Transparentpapier, lege es auf deinen Entwurf und verschiebe dieses dann. So zeichnest du die Schatten immer an der richtigen Stelle.

Eine einheitlichere Wirkung erhältst du, wenn du gleiche Buchstaben gleich groß, gleich dick und gleich geneigt schreibst. Lebendiger wird dein Kunstwerk, wenn du variierst.

Tropfen sollten immer dünner sein, als die Buchstaben, an die sie angefügt werden, sonst wird dein Kunstwerk schwer und träge.

Bevor du deinen Entwurf „ins Reine“ zeichnest, lohnen sich selbstkritische Fragen:

Ist meine Komposition ausgewogen?

Sind helle und dunkle Flächen gleichmäßig verteilt?

Stimmen die Größenverhältnisse?

Sind die Buchstabenverbindungen stimmig oder zu dicht oder zu locker?

Ist die Schriftwahl wirklich die richtige?

Gibt es gestalterische Schwachstellen?

Sind die Formen ausgewogen oder bewusst kontrapunktiert?

Habe ich zu viele oder zu wenige Verzierungen angebracht?

Sind die Bänder unterstützend eingefügt oder dominieren sie das Bild?

Entspricht das Layout der Bedeutung, die das Kunstwerk ausdrücken soll?

Das Blatt mit dem Entwurf verkehrt herum vor eine Lampe zu halten, ermöglicht es dir, einen Eindruck von der Gesamtwirkung der Komposition zu erhalten, ohne dass die Bedeutung der Wörter dich ablenkt.

Erst wenn du selbst mit deiner Komposition zufrieden bist, mach dich an die Ausführung. 

In der Kunst sind Regeln nur Vorschläge

Nach dem Aufschreiben und dem Ausprobieren der ganzen Regeln und Anweisungen, habe ich mir die Frage gestellt, ob ein striktes Befolgen überhaupt sinnvoll ist und ich meiner Kreativität so überhaupt Ausdruck verleihen kann. 

Für mich sind die Regeln nur Hinweise und Vorschläge, die mir ersparen, alles selbst ausprobieren zu müssen. Im modernen Lettern sind Vorschriften und deren zwanghaftes Befolgen eher hinderlich. Gerade das Aufbrechen der Regeln und der bewusste Einsatz von Brüchen lassen die Kunstwerke lebendig werden. 

Sicher ist das Herangehen an das Handlettering auch Persönlichkeitssache und auch davon abhängig, für welchen Anlass das Lettering „gebraucht“ wird. Eine Karte zum 80.Geburtstag der Oma wird anders aussehen, als ein Glückwunsch zur Hochzeit der besten Freundin oder ein Spruch für die Wand, das dich an deine Vorsätze erinnern soll.

Auch in unserem Team hat jeder seine eigene Herangehensweise. Volker sucht sorgfältig nach einem Text, der ihm wichtig ist und plant und gestaltet diesen dann detailliert und liebevoll. Ich war sehr stolz, dass er für ein Kunstwerk einen Text von mir ausgesucht hat. 

Christine liest sich eine Menge Hintergrundwissen an und spielt dann mit Farben, Schriften und Formen, bis aus den zweckfreien Spielereien nahezu von allein ein ausgewogenes Kunstwerk entstanden ist. 

Ich probiere die verschiedenen Werkeuge aus und freue mich an den breiten Federn, die mir ermöglichen, trotz der katastrophalen Handschrift ansprechende Letterings zu zeichnen. 

© Marion

Noch mehr Tipps und Tricks zum Thema sind in unserem Blog zu finden.

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