Die Ikonen werden im Gottesdienst geweiht.

Abenteuer Ikonen malen

Ikonen malen? Was für eine Idee!

„Ikonen malen? Ist das dein Ernst?“, war meine Reaktion, als Christine im Frühling den Vorschlag machte, den Ikonenmalkurs in Marienrode zu besuchen.

http://www.kloster-marienrode.de/gast/index.html

In der Wohnung ihres Vaters hatte Christine eine sehr alte, schon ziemlich verwitterte Ikone entdeckt. Schnell war sie deren Zauber erlegen. Sie begann, sich für die Technik des Ikonenmalens zu interessieren. 

Ich mochte die fremdartigen Bilder aus der orthodoxen Kirche schon immer. Aber nie wäre ich auf die Idee gekommen, selbst eine malen zu wollen. Genau genommen wusste ich nicht, dass es möglich ist, Ikonen einfach so zu malen. Es schien mir eine Aufgabe für speziell ausgebildete, religiös orientierte Künstler zu sein. 

„In der Kursbeschreibung steht, der Kurs ist für Anfänger ohne Vorkenntnisse geeignet“, war wohl der Satz von Christine, der bewirkte, dass ich mich auf das Abenteuer einließ. Es war ja auch noch lange hin bis zum Oktober…

Kurz vor Beginn des Kurses, war Christines Vorfreude groß. Sie war gespannt darauf, die Technik zu lernen. Vor allem die Herstellung und Verarbeitung der Eitemperafarben machten sie neugierig.

Mir hingegen wurde immer mulmiger. Das Ikonenmalen ist genau das Gegenteil von dem, was wir sonst so tun. Bei der Mixed Media Art und beim Intuitiven Malen geht es darum, völlig ohne Druck die eigene Kreativität zu entdecken und individuelle Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Beim Ikonenmalen ist jeder Schritt genau vorgeschrieben. Es muss ein exaktes Ergebnis erreicht werden. Was für eine Aufgabe!

Die erste Begegnung mit den Ikonen

Entsprechend aufgeregt war ich, als der Kurs begann. Es stellte sich heraus, dass die anderen Teilnehmer „Wiederholungstäter“ waren. Sie hatten zum Teil schon viele Ikonen gemalt. Der Kursleiter Burckhard Klein brachte eine beeindruckende Ikone des Elias mit. Ich wäre am liebsten gleich wieder nach Hause gefahren… Zum Glück habe ich das nicht getan.

Wir lernten, dass Ikonen nicht gemalt, sondern geschrieben werden. Nein, nicht mit Worten werden sie geschrieben, sondern mit Pinsel und Farbe. Ikonen schreiben hat mit Kunst oder Kreativität nichts zu tun. Es geht nicht darum, sich selbst auszudrücken, sondern um das Herstellen eines „heiligen“ Bildes. „Eine Ikone ist kein Bild, sondern ein Gebet“, erklärte uns eine Teilnehmerin. So schrieben einige Teilnehmer für erkrankte Söhne, für sich selbst als Unterstützung in der bevorstehenden Reha, für die Enkelin auf dem Weg in ihr selbständiges Leben oder für den Freund, der bald auswandern wird. Aber wir „Neulinge“, die die Neugier hergeführt hatte, waren genauso willkommen. 

Die Ikone wird auf ein vorbereitetes Brett gepaust und geritzt.
Die Vorlage wird auf das Brett gepaust und geritzt.

Es dauerte gar nicht lange, bis alle mit Holzbrettern, Vorlagen, Farben und anderen Materialien. versorgt waren. Das Geplaudert wurde leiser und Stille breitete sich im Kursraum aus. Herr Klein erklärte uns geduldig die ersten Schritte und versorgte uns mit Informationen und Material. Wir waren ein bisschen irritiert, dass wir uns als Anfänger die Ikone nicht aussuchen durften. Herr Klein erklärte uns, das habe zwei Gründe. Zum einen könnten am Christus Pantokrator ( So heißt die Ikone, die wir schreiben mussten) alle notwendigen Techniken geübt werden, zum anderen sei das die zentrale Ikone in der orthodoxen Ikonographie. Das Christusbild wurde im frühen 17. Jahrhundert in Griechenland von Jeremiah Palladas entwickelt.

Die Ikone "Christus Pantokrator", die Christine geschrieben hat.
Die Ikone, die wir geschrieben haben, heißt Christus Pantokrator.

Ikonen sind nicht einfach nur Bilder

Ikonen mussten schon immer von Patriarchen der Orthodoxen Kirchen genehmigt werden. Erst dann durften sie sich offiziell Ikone nennen. Das gilt auch für moderne Ikonen, die heute noch entwickelt werden. Eine Ikone darf nicht verändert werden. Diese Vorschrift gilt vor allem dann, wenn diese geweiht oder auch verkauft werden soll. Die Grundzüge einer Ikone werden kopiert (abgepaust) und geritzt, bevor mit dem Schreiben begonnen wird.

Das Wort Ikone stammt vom griechischen Wort Eikon ab, was übersetzt „Bild“ heißt. Eine Ikone soll aber nicht die Realität abbilden, sondern ein Urbild Christi, der Gottesmutter oder eines Heiligen sein. Deshalb ist auch keine Kreativität gefragt und der schreibende Künstler ist unwichtig. Diese Urbilder sind für orthodoxe Christen Fenster in eine andere Wirklichkeit, Fenster zum Himmel. Deshalb ist auch die Perspektive bei Ikonen umgedreht. Der Betrachtende wird von diesem Urbild angesehen, nicht umgekehrt.

Dargestellt werden Christus, die Gottesmutter, Engel, Propheten und Heilige. Viele Ikonen zeigen ein Porträt der heiligen Personen. Es gibt aber auch szenische Ikonen, die bestimmte Bibelstellen, Heiligengeschichten, Auferstehungs- oder Geburtsszenen darstellen. Geschrieben werden sie in der Regel auf Holz, Glas oder Stein. Die ersten Ikonen wurden mit einer Encaustik-Technik (malen mit gefärbtem, flüssigen Wachs) geschrieben. Heute werden Eitempera- und Kaseinfarben und Blattgold verwendet.

Die Symbolik der Ikonographie

Jede Farbe, jede Geste und jede Gestaltungseinheit hat in der Ikonographie tiefere Bedeutungen. Der Hintergrund wird in der Regel mit Blattgold gestaltet. Das leuchtende, chemisch sehr beständige Material symbolisiert das Licht, das vom Himmel fällt. Der goldenen Hintergrund ist das Fenster zur göttlichen Wirklichkeit. Deshalb werden auch die Heiligenscheine aus Blattgold gefertigt. Goldmuster auf Gewändern deuten auf die göttliche Königswürde hin.

Purpur ist die Farbe des Kaisers und zeigt die Würde der Person auf dem Bild. Rot ist das Zeichen der Liebe und des Opfertodes. Bei unserem Pantokrator (Christus als Allerlöser und Allherrscher) deutet der rot-goldene Überwurf (Clavus) auf Christi Opfer und auf seine Königswürde hin. Blau ist die Farbe des Himmels und Grün die Farbe der Erdverbundenheit. Deshalb ist das Obergewand unserer Ikone grün/blau, also leicht türkis. Es zeigt die Menschheit und Gottheit Christi. Braun ist die Farbe der Erdverbundenheit. Auf vielen Marienikonen trägt Maria ein braunes Gewand.

Halbfertige Ikone, auf der vor allem die goldenen Schichten aufgetragen sind.
Der goldene Hintergrund stellt das „Fenster zum Himmel“ dar.

Nicht nur die Perspektive ist „auf den Kopf gestellt“. Auch sonst sind die Personen nicht realitätsnah abgebildet. Größenverhältnisse passen sich immer der Aussage an, die die Ikone haben soll. In szenischen Darstellungen werden die wichtigsten Bildelemente größer dargestellt als weniger wichtige. Sind mehrere Personen zu sehen, ist die wichtigste Person auch die im Verhältnis größte. Der Heiligenschein (Nimbus) der bedeutenderen Person wird immer über den anderen gelegt.

Ikonen bekommen Schriftzeichen, in der Regel den Namen der dargestellten Person. Auf unserem Pantokrator gibt es die griechischen Buchstaben IC XC (das bedeutet Jesus Christus) und O (das ist ein Omikron), W(das ist ein Omega) und ein N (ein Ny). Diese Zeichen bedeuten „Ho on“ = der Seiende, der „Ich bin da“.

Wie wird die Ikonen denn nun geschrieben? – Alles eine Frage der Technik

Du brauchst folgende Materialien:

  • eine Tischlerplatte (Buche funiert) in der Größe der Ikone
  • Molto Feinspachtel weiß
  • Schleifpapier und Spachtel
  • Gesso
  • Transfergold und Goldklebemittel
  • Gouachefarben in verschiedenen Farbtönen (Weiß, Umbra, Blau, Kadmiumgelb, Kadmiumrot, Sienna, Kobaltblau, Schwarz ,Goldocker, Umbra grünlich…)
  • Kaseinfarbe (Plakafarbe) Rot und Braun
  • Eigelb und Essig
  • Durchschlagpapier 
  • eine Vorlage zum Durchpausen
  • Gravurstift zum Ritzen
  • Pinsel in verschiedenen Stärken
  • Firnis

So schreibst du die Ikone:

Streiche die Tischlerplatte mit 7 Schichten Spachtelmasse an und schleife sie ab. Anschließend musst du 7 Schichten Gesso auftragen.

Die Vorlage legst du auf die Platte, paust sie ab und ritzt sie mit dem Gravurstift in das Holz.

Bevor du die Farbe zur Hand nimmst, klebst du die Außenränder ab. Diese malst du erst ganz am Schluss.

Die abgepauste Ikone, auf der das Blattgold zuerst aufgetragen worden ist.
Zunächst wird der Hintergrund mit Glattgold gestaltet.

Vom Bild malst du zuerst alle Goldflächen. Dazu trägst du zunächst dünn Kaseinfarbe auf. Darauf kommt das Goldklebemittel und nach dem Trocknen das Blattgold. Diesen Arbeitsschritt fand ich am vergnüglichsten.

Den Nimbus malst du mit roter Farbe. Das geht am besten mit einem Zirkel. 

Christine malt den Heiligenschein mit einem Zirkel.
Den Heiligenschein malst du am besten mit einem Zirkel.

Zur Herstellung der Eitemperafarbe brauchst du eine Grundemulsion. Dazu wäschst du den Eidotter unter fließendem Wasser, schneidest ihn auf und fängst das Eigelb auf. Dann gibst du die gleiche Menge Essig dazu und rührst gut um. Um die Temperafarbe herzustellen, gibst du 1cm Gouachefarbe auf deine Palette und vermischt sie mir 12 Tropfen Eiemulsion und 12 Tropfen Wasser.

Das geritzte Bild malst/schreibst du gemäß der Vorlage. Damit die Farbe deckend wird, musst du sie in vielen Schichten übereinander auftragen. Das erfordert eine Menge Geduld, weil jede Schicht trocknen muss. Dabei malst du immer vom Dunkel zum Hellen. Du trägst zunächst die dunkelste Farbschicht auf und dann hellst du sie mit verschiedenen Abstufungen auf. So bekommt die Ikone ihre spezielle Ausprägung. Wenn die Ikone fertig und der Rand bemalt ist, muss sie mindestens eine Nacht trocknen. Dabei ist es wichtig, die Ikone abzudecken, damit keine Fliegen an die Eitemperafarbe gehen und Löcher in das Bild fressen. Ist die Ikone gut getrocknet, besprühst du sie mit Firnis (glänzend). Dadurch kommen die Farben noch besser zur Geltung und die Ikone ist vor Insekten sicher.

Christine, wie sie mit Sorgfalt ihre Ikone schreibt.
Christine schreibt ihre Ikone mit großer Sorgfalt.

Brauche ich einen Kurs, um eine Ikone zu schreiben?

Das ist eine gute Frage. Für geübte Maler ist ein Kurs nicht unbedingt nötig. Allerdings ist die Technik ungewohnt und es ist eine Hilfe, den Farbaufbau und die Herstellung der Eitemperafarbe genau gezeigt zu bekommen.

Für uns war der Kurs eine große Bereicherung. Nicht nur, dass beim konzentrierten Ikonen schreiben der Alltag schnell in weite Ferne gerückt ist. Aus den sehr verschiedenen Kursteilnehmern ist schnell eine Gruppe geworden. Das gemeinsame Malen hat uns miteinander verbunden und die Gespräche sind nicht an der Oberfläche geblieben. 

Das lockere, entspannte Miteinander im Kursraum, bei dem sich Geplauder und tiefe Stille miteinander abwechselten, hatte einen großen Erholungseffekt. Es war eine Schule der Geduld, darauf zu warten, bis einzelne Farbschichten getrocknet waren oder der Kursleiter Zeit für den nächsten Schritt hatte. 

Wenn etwas nicht gelang (z.B. wenn der Christus plötzlich Ähnlichkeit mit einem Aborigines hatte) kam der „Meister“ und half dabei, die Ikone zu retten. „Meister“ wurde der freundliche und geduldige Kursleiter von den „Wiederholungstätern“ genannt: mit einem Augenzwinkern und voller Respekt für seine Fähigkeiten.

Ein Altar, auf dem die Ikonen stehen, die im Kurs gemalt wurden.
Das sind die Ikonen, die in unserem Kurs entstanden sind.

Für mich als Lehrerin war es eine spannende Erfahrung, wieder einmal in die Rolle einer Schülerin zu schlüpfen und etwas zu lernen, das mir nicht leicht gefallen ist. Zur Erholung beigetragen hat natürlich auch die Gastfreundschaft  und die gute Verpflegung der Schwestern und Mitarbeiterinnen des Klosters Marienrode.

Fazit: Wir haben uns für den nächsten Ikonenmalkurs bei Burkhard Klein schon wieder angemeldet. Er findet in der Woche nach Ostern im St. Michaelskloster in Paderborn statt. Denn…

…Kreativität öffnet Räume

https://www.michaelskloster.de

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